Die Geschichte der Coca-Pflanze.

Seit über 4500 Jahren wird die Coca-Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Erythroxylum Coca in Südamerika angebaut. Cocablätter konsumieren heute noch mehr als 8 Millionen Menschen, die Nachkommen der Inka und anderer vorkulumbianischer Kulturvölker in Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile. Für sie ist Coca eine heilige Pflanze und dient nicht nur der Ernährung, sondern auch zu medizinischen Anwendungen und zu religiösen und magischen Zwecken, als Opfergaben und zum Voraussagen der Zukunft. Gerade deswegen war sie der katholischen Kirche ein Dorn im Auge, denn die religiösen Praktiken der Ureinwohner betrachtete sie als Götzendienst.

Auch im 20. Jahrhundert wird die Coca-Pflanze noch immer verteufelt. 1961 werden die Cocablätter von den Vereinten Nationen auf die Liste der verbotenen Substanzen des Einheits-Übereinkommens über psychotrope Stoffe (Drogen) gesetzt, dies obwohl Coca kein Kokaïn ist.

Der traditionelle Gebrauch der Coca.

Kokaïn gehört zu der Gruppe der Alkaloide; das sind basische, alkali-ähnliche, stickstoffhaltige Wirkstoffe der Pflanzen, die auf das Nervensystem einwirken und deshalb als Genussmittel (Coffeïn) oder Drogen angewendet werden. Sie sind schwer wasserlöslich, daher wird Kerosin zur Extraktion verwendet. Mit Säure bilden sie Kristalle. Getrocknete Cocablätter enthalten etwa 0,5 % Kokaïn , das aber beim Kauen nicht vollständig herausgelöst werden kann und zudem durch die Verdauungssäfte in Benzoylecgonin und Ecgonin umgewandelt wird, welches etwa 20 mal schwächer wirkt als Kokaïn. Um mit Hilfe von Chemikalien (Schwefelsäure, ungelöschtem Kalk) 1 kg Kokaïn herzustellen, braucht es 200 kg Blätter.

Die Bauern und Bergarbeiter, die schwere Arbeit in grossen Höhenlagen leisten müssen, kauen pro Tag etwa 30-60 g Cocablätter, zusammen mit etwas alkalischer Asche aus Pflanzen als chemisches Reagens, das die aktiven Substanzen herauslöst. Cocablätter sind für sie ein Nahrungs-und Stärkungsmittel. Die Blätter enthalten nicht nur Kokaïn, sondern insgesamt 13 verschiedene Alkaloïde, Proteine und die lebenswichtigen Vitamine. Dies ist für die Bewohner der Andenregionen besonders wichtig, da sie wegen ihrer Armut sehr mangelhaft ernährt sind.

Ueber den Coca-Genuss gibt es reichliches Schriftmaterial, aus einer Publikation möchte ich folgende Schlussfolgerungen zitieren:

Wissenschaftliche Untersuchung über den Gebrauch

Vom 1976 bis 79 haben William Carter und Mauricio Mamani den traditionellen Gebrauch der Coca in Bolivien erforscht.. Sie befragten 277 Bergarbeiter und 3236 Bauern und Landarbeiter.. Und mit einiger Ueberraschung haben sie festgestellt, dass der Gebrauch der Coca mit einem vielgestaltigen Zusammenwirken sozialer und kultureller Faktoren untrennbar verbunden ist. Zudem zeigte sich, dass nicht nur Bauern und Bergarbeiter, wie man immer glaubte, zu den Verbrauchern gehören, sondern dass auch in den Städten Coca konsumiert wird.

Die soziale Funktion des Coca-Gebrauchs

In der traditionellen Kultur hatten die Coca-Blätter eine weitreichende soziale Funktion. Die befragten Bauern und Landarbeiter antworteten auf die Frage: Wozu braucht ihr die Coca? Die Antworten sind in nachstehender Tabelle ersichtlich. Die befragten Bergarbeiter antworteten auf die gleiche Frage in weitgehend übereinstimmender Weise.

Wozu brauchen sie Coca?


Bauern Bergarbeiter
zum Arbeiten 81 93
als Medizin 78 85
gegen die Kälte 68 69
gegen den Hunger 63 72
zum Reisen 61 50
an Festen 55 50
zum Gespräch 55 39
um wach zu bleiben 50 22
um Besuch zu empfangen 49 39
zu Familienfeiern 46 53
zum Wahrsagen 44 41
zum Ausruhen 36 36
nach den Essen 32 31
zum Schlafen 16 31
zum Trinken 2 2
bei Kummer 1 3

Zusammenfassend kann man feststellen, dass beide Gruppen die gleichen Gründe zum Coca-Gebrauch in den Vordergrund stellen: Arbeit, Medizin, Kälte, Hunger. Zudem muss man in Betracht ziehen, dass die Coca-Blätter und der dazugehörige Zusatz, die Llujt'a, bei keiner Festlichkeit und Zeremonie fehlen dürfen.

Eigentlich ist Kauen nicht die korrekte Bezeichnung, denn die Blätter werden nicht zerkaut. Sie verbleiben in der Backentasche und werden nur durch den Speichel ausgelaugt. Sie nennen den Vorgang "acullicar".

Die chemische Zusammensetzung der Coca-Blätter . Nachstehende Tabelle macht es deutlich: die Coca ist ein wertvolles Nahrungsmittel. Die dazu verwendete Asche liefert zudem noch die Mineralstoffe Kalium, Natrium, Kalzium, Magnesium, Phosphor, Sulfate, Chloride, Spuren von Eisen und Antimon.

Analyse getrockneter Coca-Blätter

Protein (Nx6,25) 17,8 - 22,6 g/100g
Wasser 7,2 - 8,0 g/100g
Fett 3,4 - 4,6 g/100g
Asche 4,6 - 8,8 g/100g
Rohfaser 13,8 - 17,2 g/100g
Kohlehydrate 41,0 - 50,8 g/100g
Kalorien 281 - 315 cal/100g
alpha-Karotin 1,67 - 4,66 mg/100g
beta-Karotin 5,80 - 20,00 mg/100g
Vitamin A
(aus Karotin) 12 000 - 35 000 IE/100g
Vitamin C 3,2 - 10,5 mg/100g
Vitamin E 15,0 - 68,4 mg/100g
Tiamin 0,62 - 0,78 mg/100g
Riboflavin(B2) 0,83 - 0,94 mg/100g
Kalzium 686,0 - 265,0 mg/100g
Phosphat 206,2 - 1114,0 mg/100g
Kalium 1545,0 - 1985,0 mg/100g
Magnesium 194,0 - 470,7 mg/100g
Natrium 394 mg/100g
Eisen 13,75 - 43,2 mg/100g


Ueber die Verwendung der Llujt'a

Die Llujt'a ist der alkaline Zusatz, der beim "Kauen" der Coca-Blätter mitverwendet werden muss. Kein Bauer und kein Minero geniesst die Coca ohne diesen Zusatz. Daraus könnte man schliessen, dass die Blätter vielleicht auf die Dauer eine schädliche Wirkung haben könnten ohne die Llujt'a. Diese kann aus verschiedenen Materialien hergestellt werden. Im allgemeinen verwendet man auf dem Altiplano die Asche von Quinua-Stengeln. Diese vermischt man mit etwas Zucker und Wasser oder Alkohol, manchmal werden auch gekochte Kartoffeln zugefügt. Aus der Masse werden kleine Kugeln geformt und an der Sonne steinhart getrocknet.

Neueste Experimente in Laboratorien haben gezeigt, dass durch die Einwirkung der Llujt'a das Kokain innert fünf Sekunden zu Ecgonin hydrolisiert wird. Dies erklärt, warum man im Blut der Coca-Konsumenten kaum Kokaïn nachweisen konnte. Somit profitiert der Organismus nur von den Vitaminen und Mineralien der Coca und eliminiert folglich das Kokaïn.

Die Cocabauern wehren sich für ihre "Heilige Coca".

Es ist aber leider eine Tatsache, dass die Cocablätter auch zur Herstellung von Koka‹n verwendet werden. Im Kampf gegen die Drogen wurde deshalb verfügt, dass die Cocapflanzen ausgerottet werden müssen. Weil mit dieser Droge von den Händlern riesige Gewinne erzielt werden, hat dies dazu geführt, dass wegen der steigenden Nachfrage die Anbauflächen immer weiter ausgedehnt wurden. Jedoch gedeiht die Cocapflanze in Gegenden wo sonst nichts anderes angebaut werden kann. Deshalb wehren sich die Cocabauern gegen die Ausrottung, denn sie ist die einzige sichere Einnahmequelle. Zudem vestehen sich nicht, warum eine Pflanze, die sie seit jeher verwenden, verboten werden soll. Der traditionelle Gebrauch ist völlig unschädlich.

In seinem Artikel " Die Wahrheit über die Coca" schreibt Mauricio Mamani weiter:

"Wie wir gesehen haben, spielt die Coca eine wichtige Rolle in der Ernährung. Ihren Gebrauch zu verbieten würde einen direkten Eingriff in die Struktur der Lebensmittelversorgung mit sehr negativen Auswirkungen für einen grossen Teil der Bevölkerung bedeuten. Wenn einige Coca-Gegner immer noch nicht überzeugt sind, so sollen sie doch einmal die Ernährungsgewohnheiten der Bauern und Mineros genau studieren. Diese essen nämlich praktisch kein Gemüse, keine Eier und trinken keine Milch, diese Produkte sind nur für den Markt bestimmt, Und wie bringen sie es denn fertig, so harte Arbeit, wie sie in der Landwirtschaft und in den Minen geleistet wird, auszuhalten? "



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